die #3: Austeilen

Editorial:

„Gott ist durch, der Zugang ist da, jetzt wird ausgeteilt!“, schallt es vor unserer Tür. Wir schauen nach, wer da so laut rumschreit, öffnen und Kay-Lee steht mir nichts dir nichts breit grinsend vor uns. Mit einem Packen Flugblätter in der einen Hand, einem Megaphon in der anderen und einem Paar Boxhandschuhen um den Hals. Ohne zu sagen, wo sie war, wie lange sie diesmal bleibt und was dieser Auftritt bedeutet, zieht sie uns mit sich.

Da trotten wir nun in Morgenmantel und Latschen nebenher, wissen nicht wirklich wohin und was wir eigentlich austeilen sollen. Wird nicht ohnehin schon zu viel Unnötiges ausgeteilt? Und andererseits – wird vom Notwendigen nicht viel zu wenig ausgeteilt? Wieso wird manches mehr, wenn es geteilt wird – zum Beispiel Wissen, Krieg oder Liebe – und anderes weniger – zum Beispiel Geld, Platz oder Sorgen? Warum wird an so Wenige ausgeteilt aber so Viele eingeteilt? Aus Absicht, aus einer Laune, aus einem Mangel an Anteilnahme? Sie wissen es nicht? Wir auch nicht – Zeit, sich zusammen zu setzen um sich damit auseinander zu setzen.

Und so geht Kay-Lee zu dem, der zu allem was sagen kann: Zum Volksmund. Doch der Volksmund scheint heute kein Freund von langen Auseinandersetzungen zu sein, wirkt dazu noch ziemlich schlechtlaunig und so bekommen wir von ihm nur: „Wer austeilt, muss auch einstecken“ zugerülpst. Na, vielen Dank auch, was sollen wir damit anfangen? Wer austeilt, muss zuerst einmal etwas und jemanden zum Austeilen haben. Wir brauchen also ein Gegenüber und ein Teilbares.

Wie wär’s denn mit unserer Zeit? Die teilen wir doch alle miteinander. Ob wir wollen oder nicht. „Zeit ist Geld“, tut der Volksmund unseren Vorschlag ab. Doch damit stimmt irgendwas nicht. Beides sind zwar gleichermaßen abstrakte Phänomene, die die Welt scheinbar notwendig ordnen. Aber 365 Tage sind für alle ein Jahr, während 365 Euro für manche nur eine Minute, für andere einen Monat oder sogar ein ganzes Jahr bedeuten können. Und während sich an der Verteilung der Zeit nichts machen lässt, ließe sich das beim Geld zumindest theoretisch sehr gut.

Wie zum Beweis nimmt Kay-Lee all unsere Scheine, bekritzelt sie mit Botschaften, Aufrufen und Unverständlichem und steckt sie dem Volksmund erwartungsvoll zu. Nicht, damit er Ruhe gibt, sondern damit er satt wird. Denn der Volksmund hatte zu keiner Stund‘ Gold im Mund, sondern immer schon Hunger im Kopf. Und er sagt doch selbst „Geteiltes Geld ist halbes Leid“…. oder so ähnlich.

Kauend, schmatzend und satt ist er schon sichtlich besser gelaunt und hat Zeit für unsere Fragen. Er erzählt aus seiner Nähkiste, zeigt uns Fotos von geteilten Atomkernen, Ländern und Völkern, liest uns die schönsten Mitteilungen seiner verflossenen Geliebten vor. Zeigt uns Bilder seiner Straße und auch seine Enkel, die er selten sieht. Und er erzählt von der Zukunft. Hat absurde aber witzige Theorien zur Abschaffung von Geld, Liebe und Sprache. Und siehe da: Wenn man gibt, dann bekommt man auch zurück, ganz ohne zu nehmen.

Beim Volksmund ist Kay-Lee eigentlich in bester Gesellschaft. Aber sie will nicht nur hören, sie muss fühlen. Sie muss weiter und sehen gehen. Keine Zeit für Geplänkel, Visier hoch und Konfrontationsmodus an. Sie bedankt sich höflich für die Ratschläge, hält dem Volksmund ihre andere Wange hin und er klatscht ihr zum Abschied fröhlich eine rein. Das macht wach und ist ein Berührungspunkt auf Augenhöhe. Also ab zur Backpfeifenernte auf die weiten Felder. Da finden wir doch sicher noch was Teilbares. Und während wir noch ernten und pfeifen, sitzt Kay-Lee bereits am Klavier und beginnt zu spielen. Denn wer austeilt, ist aufs Teilen aus!

In diesem Sinne: Shared euch los, shared um euch & shared euch um einander!

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