Dann kamen die Reaktionen

„Es regnet. Die KLiteratur ist praktisch. Man kann sie sich kopfüber halten. Erst langsam saugt sich das Papier voll. Man kann es trocknen, damit basteln, es kompostieren. Lesen was im Anfang war. Gebete nachbeten, singen. Glauben. Kekse backen. Atheistisch bleiben. Ästhetisch werden. Mann kann den ersten Stein werfen: Nach wem? Einem Mensch? Einem Meer? Einer Kirche? In den Fernseher? Gott weiß was….“

 

Die KLiteratur ist unfertig. Sie läuft an, aus und über die Grenzen des Analogen. Wir wollen geschriebenen und gemalten Widerspruch zu publizierten Texten und vertreten Meinungen. Hier sind diverse Reaktionen zur ersten Ausgabe, literarische Zugaben, die hidden tracks und die laufenden Verlängerungen von x- und y-Achse.



 

Hier erscheint demnächst:

JULIA HALLMANNs Gott: Irgendwas mit Visionen

BERND QUANTEs Antwort auf Botho Strauß


ANNA GRAMM: Rhapsodie über Götter und vernünftige Tiere[i]

 

Schön wäre es einen Gott zu haben, dessen Zorn man es in die Schuhe schieben kann wenn es regnet und stürmt, wenn man einfach keinen Job bekommt, wenn die Kinder einen nicht mehr besuchen und die Städte immer voller werden; wenn es Krieg gibt und Menschen flüchten müssen, um nicht zu sterben; und wenn man den Blüten der Politiklandschaft wieder ansieht: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«.[ii] Man hätte eine Ursache und eine Lösung, einen Schuldigen und einen Schuldner, und die unausgesprochene Pflicht, alle umzubringen, die dagegen aufbegehren.[iii]

»Du sollst dir kein Bild von deinem Gott machen« ist Quatsch, wenn quasi im selben Atemzug behauptet wird, dieser Gott habe uns nach seinem eigenen Ebenbild geschaffen. Naja, streng genommen nur die Männer, was seine Glaubwürdigkeit endgültig untergraben sollte. Wie auch immer – so unwahrscheinlich ist es nicht, dass wir Gott sehen, wenn wir morgens in den Spiegel schauen. Schließlich bevorzugten auch die Götter der alten Griechen die Gestalt des federlosen zweifüßigen Wesens. Mit breiten Nägeln.[iv]

Wer ein bisschen mehr Abstand zwischen sich und seinem Gott bevorzugt kann wählen zwischen solchen, die aussehen als wären sie das Produkt von Sodomie (Horus und alles andere mit Tierkopf und Menschenkörper) oder eines Atomunfalls  (Shiva und alles was mehr als zwei Arme hat.)

Wieder andere – unschlüssig zwischen Minimalismus und Maximalprinzip – behaupten, wahre Götter seien formlos: Ein heiliger Geist, Gaia, Manitou etc.

Lebensziel wäre dementsprechend: Eins mit sich und der Umwelt werden. Doch als Asket auf einer Bergspitze der Auflösung entgegen zu meditieren, hilft uns nicht, zu wissen, was erlaubt und was verboten ist, wem wir huldigen und wen wir schmähen, was wir essen und wie wir uns kleiden sollen, welchen Wochentag wir uns freinehmen und nicht zuletzt: wann wir feiern dürfen.

Katzen wiederum sind nicht nur klüger als Hunde, sondern auch verdammt nah am Göttlichen. Vor gesamtgeschichtlich gesehen nicht allzu langer Zeit beteten Japaner und Ägypter das kleinste Exemplar der Felidae an; heute sind sie unbestreitbar die Göttinnen des Internets – Pornodarstellerinnen sind in dieser Analogie natürlich das teuflische Pendant.[v] In der realen Welt jedoch bröckelt die Allmacht der Katzen an den Gefahren des modernen Wohnungsbaus,[vi] verwirrten Seelen gelten sie sogar als steuerpflichtige Störenfriede, die im Zweifelsfall erschossen gehören.[vii]

Dann doch lieber `ne Kuh in Indien? Schließlich wussten schon besagte griechische Götter, dass ein Stiernacken besser zum Transport von Jungfrauen geeignet ist als ein Katzenbuckel. Und sie schmecken auch besser: Indien ist mittlerweile einer der größten Rindfleischexporteure der Welt, und die Kühe, die nicht geschlachtet werden, ziehen oft genug herrenlos durch die Städte und ernähren sich von Müll.[viii]

Auch Götter sterben also: Portioniert und vakuumverschweißt, mit aufgeblähten Plastiktüten im Magen, eingeschläfert im überfüllten Tierheim oder zerquetscht zwischen gekipptem Fenster und Rahmen. Der Tod eines Gottes aber wirft den Menschen auf sich selbst zurück: »Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?«[ix]

Die gottgegebene Vernunft hilft, unsere Tränen zu trocknen, in etwa so: Aufklärung → Entdeckung der Nerven u. des Gehirns als Sitz der Seele, des Verstandes, der Vernunft → ein guter Mensch (=ein Gott?), ist der, der den Mut hat (und die Kraft) hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen → die Ratio als Personal Jesus, Sapere Aude als neues Vaterunser.

Doch kein Gott ohne Pferdefuß. 1803 resümiert ein Arzt und Psychiater seinen Besuch im Tollhaus:

»Wie wird uns beim Anblick dieser Horde vernunftloser Wesen? […] wo bleibt unser Glaube an unseren ätherischen Ursprung, an die Immaterialität und Selbstständigkeit unseres Geistes und an andere Hyperbeln des Dichtungs-Vermögens, die im Drang zwischen Hoffen und Fürchten erfunden sind? […] Eine Faser im Gehirn erschlafft, und der in uns wohnende Götterfunke ist zu einem Feen-Mährchen geworden.«[x]

In Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung wäre es das vernünftigste, mindestens einen Gott zu reanimieren, an den wir Vernunft und Verantwortung wieder zurückgeben können, à là »Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück«. Ein Gott, vielleicht auch zwei oder drei, würde(n) vieles einfacher machen. Gesünder und länger leben würden mit ihm wir auch, so zumindest die Empirie.[xi] Und wenn wir die Vernunft zurückgegeben hätten, wären Empirie, (Meta)Physik, Medizin, Recht, Politik, Ethik und Moral wieder nicht mehr als Werkzeuge in seinen oder ihren Händen.

Aber: »Für alle jene vielen, die auf neue Propheten und Heilande harren, ist die Lage die gleiche, wie sie aus jenem schönen, unter die Jesaja-Orakel aufgenommenen edomitischen Wächterlied in der Exilszeit klingt:

›Es kommt ein Ruf aus Sē’îr in Edom: Wächter, wie lang noch die Nacht?Der Wächter spricht: Es kommt der Morgen, aber noch ist es Nacht. Wenn ihr fragen wollt, kommt ein ander Mal wieder.‹

Das Volk, dem das gesagt wurde, hat gefragt und geharrt durch weit mehr als zwei Jahrtausende, und wir kennen sein erschütterndes Schicksal. Daraus wollen wir die Lehre ziehen: daß es mit dem Sehnen und Harren allein nicht getan ist, und es anders machen: an unsere Arbeit gehen und der ›Forderung des Tages‹ gerecht werden – menschlich sowohl wie beruflich. Die aber ist schlicht und einfach, wenn jeder den Dämon findet und ihm gehorcht, der seines Lebens Fäden hält.«[xii] Oder, für diejenigen, die es dominanter mögen: Fick den Gott, der es geil findet, von dir gefickt zu werden.

 


Anmerkungen:

[i] Ursprünglich von Wandersängern vorgetragenes Gedicht, heute Begriff für ein Musikstück, dessen (musikalische) Themen lose miteinander verknüpft oder ganz unzusammenhängend sind (vgl. Queens Bohemian Rhapsody).

[ii] Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, 1941, Epilog.

[iii] Kieran Corocan: 21 people are dead and 450 under arrest in Iran’s bloody week of protests. Business Insider, 02.01.2018.

[iv] (Definition des Menschen nach Platon. Die platten Nägel mussten hinzugefügt werden, nachdem Diogenes der Kyniker zum Gegenbeweis des ersten Definitionsteils ein gerupftes Huhn in Platons Hörsaal warf.)

[v] »Neben Pornos sind Katzenvideos das am häufigsten geklickte Sujet im Internet.«, Jörg Albrecht, Besteuert die Katzen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2017.

[vi] Nina Blersch, Wenn das Kippfenster für die Katze zur Falle wird, Geliebte Katze Tiernetzwerk, ohne Datum.

[vii] Albrecht, Besteuert die Katzen!, Michaela Haase, Das geheime Sterben der Haustiere, Süddeutsche Zeitung Magazin, 5.08.2016.

[viii] Samarth Bansal: More Indians eating beef, buffalo meat. The Hindu, 29.10.2016; Rob Cook: World beef  exports: Ranking of countries. Beef2live, 19.01.2018; Margareth Blümel: Die geschundene Göttin. Deutschlandfunk Kultur, 21.05.2015.

[ix] Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft. München 1959.

[x] Johann Christian Reil, Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen,Halle 1803.

[xi] Zum Beispiel Christian Schüle, Warum wir glauben müssen, ZEIT Wissen, 4.12.2012; Unbekannter Autor, Gläubige leben länger – aber nicht wegen des Glaubens. Christen in der Wirtschaft 02.05.2014.

[xii] Max Weber, Wissenschaft als Beruf, in Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Hrsg. von Johannes Winckelmann. 6., erneut durchgesehene Auflage, Tübingen: J. C. B. Mohr, 1985.


 

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